#netznotar 3 : 2 #llama

Der Notar Dr. Thomas Walter, seines Zeichens ehemaliger Direktkandidat für Leipzig Nord, versuchte mit einer völlig überzogenen Abmahnung gewisse Dinge gegen mich zu erwirken. Unter anderem sollte ich das T-Shirt “Vertrau keinem Notar – informier dich” nicht mehr tragen, ihn nicht mehr beleidigen und auch ganz persönliche Dokumente nicht mehr verbreiten.

Natürlich habe ich die Abmahnung nicht gezeichnet und meinen Anwalt eingeschaltet, um feststellen zu lassen, dass ich keine  Dokumente über ihn verbreite, das T-Shirt zu meiner Meinungsfreiheit gehört und auch Beleidigungen vor allem in Hinblick auf Affekthandlungen im Kontext der Direktkandidatenwahl zur politischen Meinungsbildung gehört. Mit der in meinen Augen völlig überzogen Summe von 5001€ als Abmahnungsstreitwert ging der Fall natürlich vor das Landgericht.

In Kreisen von Juristen ist das Landgericht Leipzig nicht wirklich bekannt dafür das Internet, Streisand und Meinungsäußerungen im Kontext zu verstehen. Dazu kam, dass der Notar Dr. Thomas Walter bis zuletzt seine Anträge immer wieder umformulierte, sodass wir am Ende gezwungen waren gegen jeden Antrag zu sein. Das T-Shirt war witzigerweise nicht mehr Bestandteil der Anträge vom Notar. Immerhin wussten wir letztendlich gar nicht mehr zu 100% was jetzt genau beantragt worden ist. (Noch mehr Funfacts der Verhandlung spare ich mir jetzt. Aber die Richterin musste auch lachen als beide Anwälte “Penis” sagten.)

Nun, es kam, wie es kommen musste, das Gericht gab dem Notar Dr. Thomas Walter zu 3/5 Recht. Das heisst erst mal, dass ich zumindest zu 2/5 gewonnen habe. Zudem wurde der Streitwert von 50.000€ auf gerade mal 10.000€ gesenkt. Was bedeutet das konkret für mich?

Nun, ich darf gewisse Dokumente nicht mehr verbreiten (was ich nicht gemacht habe und mir auch nicht nachgewiesen wurde). Zudem darf ich die Dokumente nicht über Dritte verbreiten lassen. Wie das funktionieren soll, weiß ich immer noch nicht. Das konnte mir auf Anfrage auch noch niemand wirklich sinnvoll erklären. Außerdem habe ich es zu unterlassen, den Notar Dr. Thomas Walter ein “gefährliches, korruptes Arschloch”, sowie “sie sind erbärmlich” zu titulieren. Geschenkt.

Was heisst das für euch? In dem Kontext der Abmahnung und der Gerichtsverhandlung sind weitere Abmahnungen gegen Piraten und Nichtpiraten, sowie etwa 12 Strafanzeigen bekannt geworden. Alle Dinge, bis auf meine Sache, wurden vom Gericht kassiert bzw. wurden eingestellt. Das bedeutet aber auch, dass ihr nicht mehr sicher sein könnt, was genau ihr schreiben dürft. Dürft ihr noch $DINGE schreiben, ohne Angst zu haben, dass ihr von einem Leipziger Parteimitglied gleich eine Abmahnung im Briefkasten habt?

Meiner Meinung nach bin ich dennoch froh, dass es so gekommen ist, wie es gekommen ist. Der Notar Dr. Thomas Walter bekommt innerhalb der Piratenpartei weder im Bundes-, geschweige denn im Landesverband irgendeinen Fuss auf den Boden. Wie es im Leipziger Kreis aussieht, das werden wir am 08.06.2013 erfahren. Da soll eine neue Aufstellungsversammlung eine neue Direktkandidatin küren. Ich habe die leise Hoffnung, dass auch die Leipziger Piratinnen sehen, dass der Notar Dr. Thomas Walter genau die Art von Politiker ist, weswegen wir Piraten geworden sind.

Finanziell heisst das für mich natürlich eine immense Belastung. Auf mich kommen Kosten in höhe von rund 1.600€ zu. Wie ich die Summe begleichen soll, weiß ich nicht. Im Gegensatz zum Notar Dr. Thomas Walter bin ich auf diese Summe Geld angewiesen, um damit meine kleine Familie durch zu bringen …

Wie dem auch sei. Passt auf euch auf. Bietet dem Notar und seinem Dunstkreis keinen Fussbreit in unserer Partei. Ob ich noch Teil dieser sein werde, entscheidet sich am 08.06.2013.

P.S.: Wenn ihr mir helfen wollt, schickt mir eine Mail. thomas [.] llama [@] gmail [.] com

P.S.S.: Der @Housetier84 hat für mich eine Pledge angelegt <3

[Update] Die Piratenpartei, die #smv und ich

Am Wochenende fand in Warnemünde die #SMVCon statt. Dort wurde über die Möglichkeit gesprochen eine ständige Mitgliederversammlung im Bund für verbindliche Parteientscheidungen zu etablieren. Zunächst sind ein paar Grundlagen wichtig, um zu verstehen, wieso wir das eigentlich diskutieren.

tl;dr: Ich mag Liquid Democracy, ich mag die SMV. Für mich existieren keine praktikablen Alternativen.

Entscheidungsfindung und Beteiligungsmöglichkeiten

Über die Entscheidungsfindung innerhalb der Piratenpartei habe ich schon mal gebloggt. Diese Sachen kann mensch relativ einfach zusammenfassen: Wir haben nur eine Möglichkeit verbindliche und  (mehr oder weniger) demokratisch legitimierte Entscheidungen zu treffen – das sind Bundesparteitage. Entscheidungen, die Vorstände, Arbeitsgruppen oder sonst irgendwelche Einzelpiratinnen treffen, sehen wir Piratinnen als nicht legitimiert an.

Mensch kann sich zwar entsprechend in AGs usw. einbringen um auf einem Bundesparteitag eventuell einen guten Platz auf der Tagesordnung zu bekommen, dafür benötigt es aber extrem viel Arbeit, Zeit, Ausdauer und ein riesiges Netzwerk – ganz zu schweigen davon, ob die Piratinnen vor Ort überhaupt das Thema behandeln wollen. Und wenn nach zwei Tagen Bundesparteitag gerade mal 20 Anträge behandelt werden, dann ist das relativ … demotivierend. Vor allem, wenn mensch nur einmal im Jahr die Chance hat “sein” Programm vorzustellen.

Soweit der Status Quo.

Möglichkeiten zwischen Parteitagen Entscheidungen zu treffen

Okay, wir brauchen also irgendwie eine Möglichkeit zwischen den Parteitagen für Entscheidungen zu wichtigen Themen zu sorgen, damit unsere Fraktionen in Stadträten und Landtagen eine Arbeitsgrundlage haben. Die entscheiden nämlich letztendlich was passiert. Das macht nicht die Partei.

Also, eine einfache Möglichkeit wäre, wenn wir den Vorständen die Legitimation erteilen zu Dingen etwas zu sagen, zu denen die Partei noch keine Meinung hat. Finden wir das gut? Nö. Ist das nach unserem Verständnis demokratisch? Nö. Wollen wir das? Nö. Machen wir das? Nö. Würden wir so was machen, braucht es keine Piratenpartei.

Die nächste Möglichkeit ist es, verbindliche Mitgliederentscheide via Post durch zu führen. Das kostet ordentlich Geld und auch ordentlich Verwaltungsaufwand. Stellt euch mal die Auszählung von potentiell 35.000 Briefen vor. Es stellt sich auch die Frage, wer entscheidet, welches Thema gerade abgestimmt werden soll. Finden wir das gut? Geht so. Ist das nach unserem Verständnis demokratisch? Jor. Wollen wir das? Nö. Machen wir das? Nö. Würden wir so was machen, braucht es keine Piratenpartei. Denn das mit dieser Post machen die anderen. Und mir schmeckt das auch eher nach Politik 1.0.

Wir brauchen also Alternativen.

Wunschvorstellung: Ständige Mitgliederversammlung

Eine ständige Mitgliederversammlung ist ein Parteitag der permanent, öffentlich, elektronisch gestützt und im Internet statt findet. Sie soll dazu dienen, Positionen, Stellungnahmen und Parteiprogramme verbindlich zu beschließen. In den auf der #smvcon diskutierten Systemen präferiere ich die Version, welche Liquid Democracy mit “delegated voting” funktioniert. Das heisst, dass ich in die Lage versetzt werde, mein Stimmrecht temporär auf eine andere Person zu übertragen. Die Gründe dafür können vielfältig sein.

Stimmrechtsübertragung

Wenn ich in das Bundesliquid der Piratenpartei sehe, kommen täglich sehr viele Themen und Anregungen rein. Von den meisten davon habe ich keine Ahnung. Deshalb übertrage ich meine Stimme den Leuten, denen ich vertraue, damit meine Stimme nicht in den Gulli geschmissen wird. Ich vertraue den Personen normalerweise sogar soweit, dass sie meine Stimme an Dritte übertragen können, sollten sie keine Ahnung vom Thema haben.

Ich mag das. So kann ich mich tiefgreifend mit den Themen beschäftigen, bei denen ich Ahnung habe und andere kümmern sich halt um ihre Themen. In der Hosenwelt nennt mensch so was Arbeitsteilung. Nur weil ich Brötchen mag, will ich kein Bäcker sein. So sieht es auch bei politischen Themen aus. Es ist für mich unmöglich mich mit allem so zu beschäftigen, dass ich mir eine fundierte Meinung bilden kann. Klar, bei Grundsatzdebatten, zum Beispiel ob wir ein BGE haben wollen (wollen wir), sieht das anders aus. Da will ich partizipieren und übertrage meine Stimme nicht. Wenn es aber um Finanzierungsfragen geht, dann habe ich da keine Ahnung. Und viele von uns auch nicht. Dafür gibt es Experten. Oder Leute, die Experten kennen. Oder Leute, von Leuten, die Experten kennen. Irgendwo kenne ich immer jemensch, die jemensch kennt. Dafür ist die Piratenpartei als Netzwerk gut und wichtig. Okay, richtig geil wäre natürlich, wenn ich eine Blacklist haben könnte, weil ich gewissen Leuten nicht vertraue.

Auf Parteitagen machen wir das doch genau so, nur nicht sichtbar. Wie oft habt ihr an eurem Tisch gefragt, wie ihr zum Thema XY abstimmen sollt? “He, ich hab kein Plan, was das soll, wie stimmst du ab?” und dann hebst du dein Kärtchen und verlässt dich auf deine intransparente Stimmrechtsübertragung. Das ist Gemauschel. Das finde ich scheiße. Das will ich nicht.

Beschlüsse

Ich finde, dass eine SMV nur dann Sinn macht, wenn wir wirklich verbindliche Beschlüsse fassen können. Es bringt uns nichts, wenn wir nur Positionen und Stellungnahmen beschließen können, die de facto nur eine einfache Mehrheit benötigen. Wichtig sind mir richtige Parteiprogramme, also auch das Wahlprogramm. Was nützt und ein System, welches verbindlich etwas beschließt, mit dem wir nichts anfangen können? Richtig, nichts. Die Fraktionen entscheiden dann nach Gusto, oder nach der ach so tollen “Ableitung”. Das funktioniert nicht.

Ich finde es auch doof, wenn wir Beschlüsse wie in Sachsen zwei Mal unabhängig voneinander treffen müssen. Das machen wir auf Parteitagen normalerweise auch nicht. Es gibt bei strittigen Problemen maximal einen Antrag auf neue Abstimmung oder erneuter Auszählung. In der SMV in Sachsen sind die Phasen auch so gelegt, dass eine Abstimmung rund 75 Tage läuft – wenn es gut läuft. Das wären dort insgesamt 140 Tage für einen Beschluss. Das ist nicht effektiv, dafür brauchen wir keine SMV. 40 Tage insgesamt für alle Phasen reichen in meinen Tagen aus, um sich eine Meinung zu bilden oder fest zu stellen, dass jemand anderes dafür eher geeignet wäre. Selbst wenn ich in den Urlaub fahren würde, weiß ich das vorher und kann meine Stimme entsprechend übertragen.

Was ich gut finde ist, wenn es eine Option gäbe, dass ab einem bestimmten Quorum (5% oder so) eine geheime Abstimmung auf dem nächsten Parteitag für ein Thema beantragt werden kann. Diese Anträge sollen dann auch mit Prio dort behandelt werden. Das ist ein totales nice-to-have, muss aber echt nicht sein.

Pseudonymisierung

Mir ist es wichtig, dass wir Pseudonyme im System zulassen. Der Grund ist ganz einfach: Ich bin ein Kind des Internets. Seit dem usenet kenne ich sehr viele Leute nur via Pseudonym. Wenn da auf einmal der bürgerliche Name auftaucht, kenne ich die Leute nicht. Umgekehrt kennen mich viele nur unter meinem Pseudonym Llama. Wer wissen will, wie ich in echt heisse, kann das sehr schnell ergoogeln. Wenn ich sage, dass ich Thomas bin schauen mich die Leute mit diesem typischen “WTF bist du denn?” an.

Wichtig ist auch, dass es Menschen geben soll, die nicht unter dem bürgerlichen Namen politische Entscheidungen treffen wollen, weil sie den sozialen Druck fürchten. Ich selbst halte nicht viel davon, weil für mich Politik Verantwortung ist und zur Verantwortung sollte Mensch stehen.

Wichtig ist aber auf jeden Fall die Überprüfung des Stimmrechts eines Mitglieds. Dafür muss es eine Clearingstelle geben, bei der ich die Benutzerkennung, also die ID des Users, hin schicke und dann ein Ja oder Nein mit den entsprechenden Konsequenzen zurück bekomme. Der Clearingstelle muss ich dann genau so Vertrauen, wie ich den Akkreditierungspiratinnen auf Parteitagen trauen muss.

Meine grobe Checkliste für eine SMV wäre also folgende:

  • uneingeschränkte Stimmrechtsübertragung (optional mit ‘ner Blacklist)
  • Beschluss über Positionen, Arbeitsanweisungen für Fraktionen und Parteiprogramm
  • 4-Phasen-Modell (Neu, Diskussion, Eingefroren, Abstimmung) mit maximal 40 Tage für eine Initiative
  • Pseudonymisierung (ich komme mit den Namen auf Personalausweisen bei großen Teilen der Partei nicht klar) mit Clearingstelle zur Überprüfung, ob ein Mitglied Stimmrecht hat

P.S.: Thema “Schnellschuss” oder “lasst uns erstmal die Probleme von #lqfb beheben”: a) Wir diskutieren und testen seit 2010. b) Welche Probleme das konkret sind konnte mir auch noch niemand sagen.

[Update]

Hier werden ein paar sinnvolle Dinge über Liquid Feedback an sich geschrieben. Ich denke aber, dass einige Teile auch auf die SMV anwendbar sind. Fangen wir also an:

Im Abschnitt “Beteiligung” wird davon gesprochen, dass mensch gegen die sogenannten “Superdelegierten” keine Chance hat. Nun, das sehe ich ein bisschen anders. Immerhin kann ich mich in einem Themenbereich, auf welches ich mich spezialisiert habe recht gut behaupten. Andererseits, Leute, die viele Stimmen auf sich vereinen, haben nicht umsonst so viele Stimmen. Sie sind integer, nett, gut im socializing, mensch kann sie kontaktieren und mit ihnen sprechen und vor allem sind sie kompetent in ihren jeweiligen Themenbereichen. Das finde ich gut. Wie ich oben geschrieben habe, ist es sinnvoll seine Stimme an Leute weiter zu reichen, denen mensch zutraut gute Dinge zu beschließen.

Die Prognose, dass sich die Piratinnen stärker an der SMV beteiligen kann ich teilen. Dafür muss das Werkzeug aber erst mal ernst genommen werden. Wenn mensch schreibt, dass er “spielt” kann ich leider keine Ernsthaftigkeit erkennen. Das müssen wir besser kommunizieren. Politik ist Verantwortung. Das müssen alle parteipolitisch aktiven Leute verstehen.

Im Abschnitt “Delegationen” werden zwei Features angesprochen, die ich auch klasse fände: Eine Blacklist für Leute, an die mensch nicht die Stimme übertragen möchte. Da bin ich sofort dafür. Gibt es dafür schon ein Ticket? Nein? Warum nicht? Dass die Themengebiete sehr verallgemeinert sind ist richtig. Das kann mensch aber schnell fixen. Eine Initiative mit neuen Themenbereichen, also einer neuen Aufteilung, auf das Feedback warten, fertig ist der Lack. Beides Dinge, die mensch beheben kann.

Die angesprochenen sozialen Probleme … nun … die kann mensch nur für sich selbst bestimmen oder mal in der Hosenwelt Face to face besprechen. Die meisten Piratinnen haben ihre Kontaktdaten in den jeweiligen Profilen verlinkt. Nutzt sie.

Das im verlinkten Blogpost über Bestechung gesprochen wird … nun ja. Das können wir auch mit unseren Abgeordneten und Vorständen machen. Außerdem würde bei der Kontrollwut der Piratinnen schnell auffallen, dass Jemensch entgegen seiner Überzeugung abstimmt. Zack, Stimme weg.

Die Piratenpartei, das Chaos und ich

tl;dr: Strukturen sind ungeil und grenzen aus. Durch Chaos entstehen Netzwerke und neue Dinge.

Was es ja immer wieder innerhalb der Piraten gibt ist diese Strukturdiskussion. Die einen meinen, dass es Sinn macht gewisse Strukturen zu haben, die anderen sagen, dass es bescheuert ist. Ich finde, dass eine Struktur nur so lange gegeben werden muss, wie es wichtig ist, dass gewisse Dinge, wie zum Beispiel Aufstellungsversammlungen, funktionieren. Das heisst, dass ich alle Untergliederungen innerhalb der Piratenpartei unterhalb eines Landesverband für sinnlos halte.

Grund dafür ist, dass ich das Chaos sehr mag. Uns wird ja immer wieder vor gehalten, dass wir eine Chaostruppe wären. Wenn mir so was an den Kopf geworfen wird, freue ich mich immer und sage ja. Chaos ist kein Schimpfwort. Ohne Chaos gäbe es viele tolle Dinge, wie zum Beispiel unser ganzes Universum, Sterne, Planeten und sogar uns nicht. Nur aus dem Chaos können neue Dinge entstehen und genau das müssen wir endlich selbst begreifen und vor allem auch kommunizieren.

Der Deutsche[TM] liebt seine Strukturen: Mein Haus, mein Garten, mein Zaun – alle anderen sind doof; der Ossi (resp. der Wessi) ist sowie so doof. Dieses Verhalten ist bescheuert. Selbst in unserem Landesverband Sachsen haben wir eine “Konkurrenz” zwischen Dresden und Leipzig. Klar, es gibt Leute, die das witzig finden, ich halte es für dämlich. Mit Strukturen hat das so viel zu tun, dass eben solche Grenzen abstecken und damit andere Leute ausgrenzen. Ausgrenzung finde ich scheiße und rechts-konservativ. Ich steh ja total auf Europa. Aber das ist ein anderes Thema.

Zurück zum Chaos. Wenn Dinge chaotisch um uns herum sind, müssen wir lernen damit um zu gehen. In der Anfangsphase der Piraten fand ich das sehr spannend, dass wir extrem viele Dinge getan haben, ohne dass wir uns einer Hierarchie oder Struktur unterworfen haben. Wir waren gezwungen miteinander zu reden, uns zu vernetzen. Ein Netzwerk ist das Wichtigste, was einer Partei passieren kann.

Nehmen wir als Beispiel die Querelen um #netznotar. Auf der einen Seite steht ein recht großes Netzwerk von vielen Piraten (Danke Clausnitz!) ohne Hierarchie, ohne Struktur, aber mit einer Vernetzung. Den Konflikt im KV Leipzig gibt es schon eine ganze Weile. Immer wieder war auf der einen Seite die Konstante #netznotar, auf der anderen die vernetzten Piratinnen. Nach und nach hatten immer weniger Piratinnen Bock auf die Politik und Arbeitsweise #netznotar. Und immer wieder ist jmd. anderes aus dem Netzwerk hoch geploppt und wurde der “laute” Konfliktpart gegen #netznotar. Jetzt bin ich da halt an der Reihe und wenn ich weg ploppen sollte, dann kommt nach mir eine andere Piratin, die gegen #netznotar arbeitet.

Das Chaos ist hier wichtig, weil genau hier deutlich wird, dass wenn es eine Struktur oder eine Hierarchie (welche eine Struktur impliziert) gäbe, würden irgendwann die oberen Köpfe einfach weg fallen und die ganze Struktur fällt in sich zusammen, da es niemanden mehr gibt, welche die Struktur zusammen hält. In einem Netzwerk sieht das ganz anders aus. Fällt eine Masche weg, ist das Netz trotzdem noch da. Ergo, Chaos ist wichtig. Netzwerke aufbauen eben so. Strukturen sind bis zu einem gesetzlichen Mindestrahmen okay, aber dürfen nicht überhand nehmen.

Ein Handyvertrag, ein Smartphone und ich.

Eigentlich mag ich keine Smartphones. Eigentlich. Okay, ich finde die Dinger echt genial. Ich hatte zwar die letzten vier Jahre keins, aber so langsam möchte ich doch wieder so ein Ding haben – hauptsächlich für Todos, Termine, Erinnerungen, Netz unterwegs und so Spielereien, wie Foursquare oder Ingress.

Nun, Llama schaut und findet einen “Internet-Tarif” bei BASE. Da gibt es keine Telefonnummer und keine SMS Geschichten, sondern wirklich nur Internet. Für 15€ im Monat und 1GB Limit ist das zwar immer noch viel zu teuer (Leute, echt mal, das gibt es in AT fast hinter her geschmissen), aber immerhin etwas, mit dem mensch was anfangen kann. Dazu soll es halt ein Samsung Galaxy S3 werden (kein Tech-Talk bitte).

Also geht es in den BASE-Laden, um mit den Leuten dort einen Vertrag zu machen. Weil ich aber keine EC-Karte besitze, sondern nur eine Service-Card der Deutschen Bank, können die keine Boni-Prüfung machen und es gibt deshalb auch keinen Vertrag. Da frage ich mich, die müssen doch sowieso die Kontodaten eingeben … wozu brauchen die noch eine EC-Karte?

Nächster Versuch: Internet. Ich habe mir den Tarif mit dem Telefon im Netz zusammengeklickt und bestellt. Am nächsten Morgen kam eine Nachricht, dass ich doch bitte den Kundenservice anrufen soll, weil es da noch einige Fragen gibt. Gesagt, getan. Kundenservice spricht, dass ich zwar den Tarif bekomme, aber das Telefon erst nach sechs Monaten. Da fragte ich, ob das ein Witz ist und was ich bitte mit einem Tarif machen soll, wenn ich doch kein Telefon dazu habe. “Freuen sie sich, dass sie BASE-Kunde sind.” Zum Glück meinte der Telefonist das sarkastisch. Auftrag storniert. Toll.

Llama bekommt wohl erstmal kein Smartphone. Olé.

Llama 2.0

Tja. Ich bin wieder da. Also das schon ein paar Tage länger, als dieser Artikel suggerieren lässt. Ich wollte euch nur nicht zumuten, alle Blogeinträge an einem Tag zu lesen.

Die Tage in der Psychiatrie haben mir gezeigt, was ich falsch gemacht habe. Also, nicht die Psychiatrie hat mir geholfen, sondern der Umstand, dass ich dort einfach nichts zu tun hatte. So konnte ich nachdenken. Ich weiß jetzt genau, was in meinem Leben kaputt ist und genau das werde ich angehen.

  1. Familie. Ich habe in den letzten Monaten und Jahren die Bindung zu meiner Familie aufs Spiel gesetzt. Ich habe viele Menschen, vor allem meine Frau, verletzt und enttäuscht. Das wird nicht wieder passieren. Nie wieder.
  2. Arbeit. Ich werde lernen, Arbeit auch einfach Arbeit sein zu lassen. Ich werde daran arbeiten, nicht mehr alles an mich ran kommen zu lassen. Außerdem werde ich nicht mehr so viel arbeiten wie bisher und mehr darauf achten, auch nach Feierabend nicht mehr zu arbeiten. Vor allem muss ich lernen “Nein” zu sagen. Das gilt übrigens auch für Punkt 5. Auf jeden Fall werde ich die geilste Firma der Welt nicht im Stich lassen ;)
  3. Musik. Die Musik ist eines der wichtigsten Dinge in meinem Leben. Wenn ich Musik höre oder mache, kommt es mir vor, als bewege ich mich zwischen den Welten. Ich will diesem Hobby wieder mehr Bedeutung geben – vor allem um ab zu schalten. Mein Ziel ist es, hier wieder eine Band zu haben.
  4. Gesundheit. Ich fühle mich in meinem Körper nicht wohl und das will ich ändern. Sport ist ein gutes Mittel um mich ordentlich auszukotzen und abzuschalten. Der positive Nebeneffekt ist, dass ich wieder schlanker werde und mir die ein oder anderen Klamotten wieder besser passen. Außerdem werde ich meine Ernährung umstellen.
  5. Politik. Ich werde innerhalb der Piraten nicht mehr so viele Aufgaben übernehmen, wie ich es bisher gemacht habe. Ich möchte mich viel mehr auf ein spezielles Thema konzentrieren und daran arbeiten, dass ich dieses Thema ab nächstes Jahr im sächsischen Landtag vertreten kann. Klar, zu aller erst müssen wir die paar korrupten Anti-Piraten loswerden. Ich bin aber guter Dinge, dass wir den ein oder anderen demnächst nicht mehr in unserer Partei wiedersehen werden.

Zusammengefasst heißt das, ich bin wieder da. Ich werde mich schonen. Ich werde mehr auf mich aufpassen, damit ich euch noch länger nerven kann.

Psychiatrie: Tag 6

Heute Morgen hat mich die Schwester auf dem Sofa geweckt. Ich kann einfach nicht in einem Zimmer mit einem Schnarcher schlafen. Da sind mir die Krankenhausregelungen auch Schnuppe. Ich brauch meinen Schlaf. Da meinte die Schwester, dass ich doch eine Tablette zum Schlafen nehmen soll. Ich lachte.

Nach dem Frühstück machte ich wieder ein bisschen Sport und wartete auf die Visite. Dabei schwänzte ich auch ganz frech die Bastelstunde. Ich kann mich auch anders beschäftigen, sinnvoller.

Bei der Visite machte ich den Ärzten klar, dass ich mich entschlossen habe, am Mittwoch die Klinik zu verlassen. Ich erklärte meine Ansichten, meine Einsichten und meine Pläne. Sie wunderten sich über den plötzlichen Sinneswandel und finden es nicht so gut, dass ich das tue, aber aufhalten können sie mich auch nicht.

Das Umfeld hier belastet mich mehr und mehr. Ich komme mit den Leuten einfach nicht klar. Ich komme nicht damit klar, dass wir hier einfach allein gelassen werden, ohne wirklich auf unsere Probleme einzugehen. Für mich ist es schlicht sinnlos hier zu sein.

Ich freue mich auf zu Hause. Ich freue mich auf meine Astrid. Ich freue mich darauf, dass ich die Dinge umsetzen werde, die ich mir vorgenommen habe.

Am Abend habe ich noch einen längeren Spaziergang mit A. gemacht. Sie ist Erzieherin und erzählt von den vielen (vor allem finanziellen) Problemen bei der Betreuung der Kinder. Wir kamen schnell zum Schluss, dass in der akuten Psychiatrie die gleichen Probleme herrschen. Immerhin ist auch hier die Station überbelegt. Ich habe gehört, dass auf der Geschlossenen schon fünf Menschen auf dem Flur schlafen müssen. Dabei gibt es hier gerade mal sechs Ärzte, die sich um insgesamt vier Stationen kümmern müssen. Da ist es nur logisch, dass hier maximal ein paar Medikamente verabreicht werden. Die “Therapien” hier helfen niemandem bei den Problemen.

Morgen werden hier wieder ein paar Patienten entlassen. Viele haben Angst davor, weil sie nicht wissen, was sie draußen machen sollen. Mit den Medikamenten können sie weder mobil sein, noch vernünftig arbeiten. Werden die Medikamente abgesetzt, gehen die Depressionen und Paniken wieder von vorn los. Dann landen sie wieder hier. Ich habe einige Patienten kennen gelernt, die hier im Grunde Dauergast sind. Es gibt zwar noch die Möglichkeit, für eine dreimonatige stationäre Behandlung in der Nachbarklinik, aber dort sind die Wartelisten laut den Schwestern schon bis Sommer voll. Irre.

Ich habe noch eine Liste von Psychotherapeuten bekommen – sechs Seiten, eng beschrieben. Ich habe noch nie so eine riesige Sammlung von Telefonnummern für einen Beruf gesehen. Ein Patient meinte, dass die Liste nichts bringt. Er hatte sie auch und sagte, dass bei den meisten Therapeuten eine Wartezeit von drei Monaten einzuplanen ist – und die, die Zeit haben, taugen nichts. Super Aussichten.

Irgendwas in dieser Gesellschaft ist gewaltig kaputt – so richtig kaputt. Bei den meisten Patienten hier ist der Stress der Auslöser der Depressionen und Paniken. Der Stress wird durch die viele Arbeit ausgelöst. Fast alle hier arbeiten zu viel. Sie haben Angst vor Armut, Angst davor, die nächste Rechnung nicht bezahlen zu können, Angst davor, nicht über den nächsten Monat zu kommen. Einige schieben die Schuld auf den Euro. Ich halte dagegen. Nicht der Euro ist Schuld an dieser Situation. Kennt ihr noch “Leistung muss sich wieder lohnen”? Diese ganze Misere haben wir Schwarz-Gelb und auch Rot-Grün zu verdanken. Wo bleiben die Mindestlöhne? Wo bleiben mehr Arbeitnehmerrechte? Wo bleiben Gesetze für eine ordentliche Pausen- und Urlaubsregelung? Wann wird Leiharbeit endlich verboten? Diese Fragen werden hier gestellt – von allen.

Gut, das hat jetzt nicht so viel mit meiner Behandlung hier zu tun. Ich denke aber, dass es wichtig ist, zu wissen, dass hier in den Kliniken hart arbeitende Menschen sind, die genau die Sorgen und Probleme haben, wie wir alle. Hier sind nicht “die Kloppies” oder die geistig Zurückgebliebenen. Hier sind Menschen, die von der Gesellschaft, der Politik und der Arbeit kaputt gemacht worden sind.

Habt Respekt. Nehmt die Krankheit ernst.

Psychiatrie: Tag 4 und 5

Hoch lebe die Langeweile! Das sollte wahrscheinlich das Motto dieser Klinik sein. Es ist Wochenende. Es gibt hier nichts zu tun. Gar nichts. Und die Zeit will auch nicht vorbei gehen. Natürlich werden wir wieder mit dem üblichen, fast gesäuselten “GUTEN MORGEN!” geweckt. Es ist 6:45 Uhr.

Ich beschließe, ein bisschen länger zu schlafen und gehe erst (!) gegen 7:45 Uhr zum Frühstück. Die Brötchen sind schon alle. Das ist ein Witz. Die Schwester musste extra zum Bäcker gehen, damit ich auch etwas zu beißen habe. Wie arm unser Gesundheitssystem ist, merkt man hier.

8:30 Uhr: Ich entscheide mich, intensive Körperpflege zu praktizieren und lasse mir dabei ausgiebig Zeit. Rasieren, (lang) Duschen, Eincremen.

9:30 Uhr: Ich entschließe mich, ein bisschen Sport zu machen. Also ab in das, nun, Sportzimmer. Ein Fahrrad, ein paar Iso-Matten, eine FlexiBar™ – das muss reichen. Ich beschäftige mich eine ganze Weile damit, bis ich nicht mehr kann.

10:30 Uhr: Ich mach ein Nickerchen

11:30 Uhr: Endlich Mittagessen. Es gibt etwas, was einem Geflügelhackbraten ähnlich sein soll. Dazu Kartoffeln und Brokkoli. In weiser Voraussicht stelle ich das Gemüse für den Abend in den Kühlschrank.

12:00 Uhr: Ich mache einen ausgiebigen Spaziergang.

12:30 Uhr: Ich mache ein Nickerchen.

13:30 Uhr: Ich beschließe, einen Film zu sehen.

14:15 Uhr: Der Film langweilt mich. Ich gehe raus, spazieren.

14:45 Uhr: Endlich kommt meine Frau.

Bam. Abendessen. Die Zeit verging viel zu schnell. Sie muss wieder los. Ich erzählte ihr ein paar Geschichten, was ich hier so erlebe – und was ich beschlossen habe. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken und hab einige Dinge verstanden, was ich in den letzten Jahren falsch gemacht habe. Ich finde mich langsam wieder. Ich weiß, was ich will. Ich weiß, wie ich es erreichen werde.

Am Montag werde ich um meine Entlassung am Wochenende bitten. Die Psychiatrie kann mir nicht helfen. Das kann nur ich selbst. Das weiß ich jetzt.

Meine Stimmung ist gut. Sehr gut sogar. Ich habe wieder einen Plan. Der Besuch meiner Astrid hat mir wieder Kraft gegeben und mir vor allem gezeigt, was ich will. Sie. Für immer.

Sonntag: GUTEN MORGEN!, Körperpflege, Frühstücken, Sport, Buch lesen, Nickerchen, Mittag essen, Buch lesen, Nickerchen, einen sehr schönen Nachmittag mit meiner Astrid und Max verbringen, spazieren, Abendessen, Film schauen, Buch lesen, schlafen. Spannend oder?

Psychiatrie: Tag 3

Ein freundliches, sehr lautes “GUTEN MORGEN!” weckte mich. Dann das morgendliche Ritual: Duschen, Zähne putzen, Gesicht waschen, Kaffee und den Frühsport, die Treppe runter zur Raucherinsel. Dann frühstücken.

Endlich habe ich meine erste Therapie. Es ist eine einfache Ergotherapie und dauert 50 Minuten. Eigentlich sollte man Bastelzirkel dazu sagen, denn hier werden Bilder gemalt, Körbe geflochten und mit Ton gearbeitet. Am ersten Tag habe ich mich noch nicht entschieden, was ich machen will. Ich glaube aber, dass ich irgendwas mit Ton machen will. Die Therapeutin gab mir in der Zwischenzeit ein Mathe-Dreieck-Puzzle, was ich innerhalb von fünf Minuten gelöst habe. Die restlichen 45 Minuten starrte ich die Therapeutin an.

Nach der Ergo kam gleich die Visite und wir haben uns über den Therapieplan unterhalten. Ich werde hauptsächlich in Bewegungs- und Entspannungstherapien gehen. Die Ärzte machten mir noch mal deutlich, dass ich nicht hier bin, um irgendwelche komplexen Aufgaben zu lösen (ich beschwerte mich über die Langeweile). Ich bin hier um abzuschalten und runterzufahren. Nun gut. Also las ich erst mal bis zum Mittag (und machte dabei ein Nickerchen).

Heute gab es widerliche Nudeln. Ich habe noch nie in meinem Leben so widerliche Nudeln gegessen. Grausam. Ich war kurz davor, eine Zwiebel zu schneiden, um damit die Nudeln in einer Pfanne zu braten. Die Faulheit siegte aber. Also aß ich nur den Joghurt und den Möhrensalat.

Tja, mein Tagesablauf wird sich wohl mit dem heutigen Tage wiederholen werden. Ich ging auf die Couch, las und nickte dabei ein. Um 13:30 ging ich dann zur Musiktherapie. Ich war zwar nicht eingetragen, aber irgendwas wollte ich tun. Wir sollten eine Ocean Drum “spielen”. Nach der Sitzung hielt ich die Therapeutin von ihrer Schreibarbeit ab und wir haben uns über Musik unterhalten. Sie stellte fest, dass die Musiktherapie nichts für mich ist. Dafür gab sie eine Anordnung an die Schwestern, mir eine Gitarre zu organisieren *krchkrch*

Lesen. Musizieren. Nickerchen machen. Wahrscheinlich sind das die drei Dinge, die ich die nächsten Tage und Wochen hier machen werde. Meine Stimmung ist so lala. Ich vermisse eine Umarmung und den Satz “Alles wird gut.”

Endlich öffnete die Bibliothek. Ich ging hin und nahm prompt fünf Filme mit. Hoffentlich werden die das Wochenende ausreichen. Wenn nicht, ich habe noch zwei Bücher. Eine halbe Stunde Internet war auch drin. Für mehr als ein kurzes “Hallo Welt, ich lebe noch” hat es aber nicht gereicht.

Als ich raus ging, hörte ich ein wunderbares Klavierspiel. Ich lerne R. kennen. Er sitzt an einem Flügel aus dem 19. Jhd. und spielt Stücke von Mozart, Thiersen und andere. Wundervoll. R. hat auch Depressionen. Wir verabreden uns für Montag, dann kann ich ihm wieder zuhören.

Morgen kommt endlich meine Frau.

Psychiatrie: Tag 2

Die Nacht war kurz und lang zugleich. Ich konnte erst ewig nicht einschlafen. Dann kam auch noch die Schwester. Sie wollte uns Medizin geben. Ich lehnte ab. Kein Arzt, keine Medizin. Irgendwann bin ich dann doch eingeschlafen.

Abrupt wache ich auf. C. geht duschen – eine halbe Stunde. Ich verkriech mich unter der Decke. Die Pfleger kommen. Es ist gerade mal sechs Uhr dreißig. Und dann gleich das volle Programm. Urinprobe, Bluttest, Duschen, Warten, Gong, Frühstück.

Gleich danach rede ich mit den Ärzten. Es ist Gruppenvisite. Der Arzt breitet meine Akte vor der ganzen Gruppe aus. Mir ist das unangenehm. Ich sage das und bekomme ein Einzelgespräch. Er erklärt mir noch mal das Medikament. Es ist ein einfaches Antidepressiva mit Schlafmittel, welches angeblich nicht süchtig macht. Ich habe Angst davor. Das Gute ist, ich werde sofort auf die Offene verlegt.

Als ich C. davon erzähle, wirkt er niedergeschlagen. Er erzählt mir noch, dass er seine Freundin hier drin kennengelernt hat. C. ist einmal das Jahr hier. Immer wegen Drogen. Ich sage ihm, dass Crystal scheiße ist und er es lassen soll. Er verspricht es. Ich glaube ihm nicht.

Die offene Station. Ich habe den Eindruck, dass es hier freundlich ist. Auf den Tischen sind Blumen, alles ist hübsch dekoriert. Die Menschen sind nicht so apathisch und machen einen freundlicheren Eindruck. Erst mal muss ich wieder warten, bis die Chefvisite vorbei ist. Ich lese mein Buch und döse weg.

Die Psychiaterin weckt mich. Ein ganzer Stab Psychologen und Psychiater wartet auf mich. Wir reden kurz und ich sage, was ich für grundsätzliche Probleme habe. Dann wird mir nochmals die Medizin ans Herz gelegt. Ich frage nach Alternativen. Angeblich soll Johanniskraut helfen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das will.

Danach gab es noch ein längeres Gespräch mit der Stationsärztin. Ich erzähle ihr im Grunde das Gleiche, was ich dem Arzt vom ersten Tag erzählt habe. Sie sagte mir, dass mir hier in der Psychiatrie nicht mit der Sinnkrise geholfen werden kann. Die nächsten drei Wochen sollen dazu genutzt werden, um mich herunter zu fahren. Ich soll versuchen, nicht mehr an den Sinn zu denken, sondern mich erst mal von dem Stress und dem Burnout erholen. Die Psychiatrie will mir dabei mit verschiedenen Therapien helfen. In frühestens 14 Tagen kann ich für ein Wochenende nach Hause.

Kein Gong ertönt. Es gibt trotzdem Mittagessen. Ich bekomme Kartoffeln, Mischgemüse und Putenbrustfilet. Offenbar bin ich ein bisschen ruhiger geworden und esse sogar auf. Für nächste Woche soll ich einen Speiseplan ausfüllen. Ich darf selbst entscheiden, was ich esse.

Die Ärzte arbeiten einen Therapieplan für mich aus. Ich soll darauf warten, spazieren gehen. Die frische Luft tut gut. Die Stationskatze läuft mir über den Weg. Wir begrüßen uns und freunden uns an. Als ich zurück kam, sagten mir die anderen Patienten, dass es echt süß war, wie ich mit der Katze umgehe und rede. Und es drehte sich alles um meine Haare.

Zum Abend half ich beim Kochen. Mir war langweilig und ich wollte irgendwas tun. Die Pflegerin war ganz überrascht, dass ich helfen wolle. Was soll ich sonst tun? Ich warte schon den ganzen Tag. Auf was, weiß ich nicht.

Endlich bekomme ich meinen Therapieplan. Erst mal soll ich Ergotherapie machen. Was dort passiert, weiß ich noch nicht. Ich wurde auch für die Musik- und Bewegungstherapie eingetragen. Außerdem muss ich ein tägliches Berichtsheft über mein Befinden schreiben.

Am Tag und beim Abendessen saß ich mit K. zusammen. Sie ist seit sechs Wochen hier. Davon war sie fünfeinhalb Wochen auf der Geschlossenen. Wir unterhalten uns über das Arbeitsleben und dass unsere Gesellschaft immer kranker wird. Es gibt zu wenig Psychiater und immer mehr Depression. Sie hat Angst vor der Nacht.

Ich beschäftige mich vor allem mit Lesen, mach mir Gedanken darüber, was ich die letzten Jahre erlebt habe. Ich vermisse meine Frau. Immer mehr. Es tut weh. Langsam wird mir bewusst, dass ich in frühestens zwei Wochen hier das erste Mal für ein Wochenende raus kann. Zwei Wochen keine Astrid. Wie soll ich das nur schaffen?

Heute Abend ist eine Tanzveranstaltung. Ich habe keine Lust drauf. Ich will lieber im Bett liegen – allein. Ich will nach Hause. Nach außen versuche ich mich gelassen zu geben. Ich will nicht vor den ganzen Leuten weinen.

Als die grässliche Musik endlich vorbei war, kam die Schwester mit den Medikamenten. Ich wollte sie nicht nehmen. Tat es auch nicht. Später ging ich noch mal raus in den Gemeinschaftsraum. Ein paar Frauen saßen am Tisch und ich gesellte mich dazu. Wir sprachen über die Medikamente, die Klinik, die Krankheiten. Und dann spielten wir Stadt, Name, Land. Es hat mich gut abgelenkt und ich konnte auch relativ ruhig schlafen.