Psychiatrie: Tag 6

Heute Morgen hat mich die Schwester auf dem Sofa geweckt. Ich kann einfach nicht in einem Zimmer mit einem Schnarcher schlafen. Da sind mir die Krankenhausregelungen auch Schnuppe. Ich brauch meinen Schlaf. Da meinte die Schwester, dass ich doch eine Tablette zum Schlafen nehmen soll. Ich lachte.

Nach dem Frühstück machte ich wieder ein bisschen Sport und wartete auf die Visite. Dabei schwänzte ich auch ganz frech die Bastelstunde. Ich kann mich auch anders beschäftigen, sinnvoller.

Bei der Visite machte ich den Ärzten klar, dass ich mich entschlossen habe, am Mittwoch die Klinik zu verlassen. Ich erklärte meine Ansichten, meine Einsichten und meine Pläne. Sie wunderten sich über den plötzlichen Sinneswandel und finden es nicht so gut, dass ich das tue, aber aufhalten können sie mich auch nicht.

Das Umfeld hier belastet mich mehr und mehr. Ich komme mit den Leuten einfach nicht klar. Ich komme nicht damit klar, dass wir hier einfach allein gelassen werden, ohne wirklich auf unsere Probleme einzugehen. Für mich ist es schlicht sinnlos hier zu sein.

Ich freue mich auf zu Hause. Ich freue mich auf meine Astrid. Ich freue mich darauf, dass ich die Dinge umsetzen werde, die ich mir vorgenommen habe.

Am Abend habe ich noch einen längeren Spaziergang mit A. gemacht. Sie ist Erzieherin und erzählt von den vielen (vor allem finanziellen) Problemen bei der Betreuung der Kinder. Wir kamen schnell zum Schluss, dass in der akuten Psychiatrie die gleichen Probleme herrschen. Immerhin ist auch hier die Station überbelegt. Ich habe gehört, dass auf der Geschlossenen schon fünf Menschen auf dem Flur schlafen müssen. Dabei gibt es hier gerade mal sechs Ärzte, die sich um insgesamt vier Stationen kümmern müssen. Da ist es nur logisch, dass hier maximal ein paar Medikamente verabreicht werden. Die “Therapien” hier helfen niemandem bei den Problemen.

Morgen werden hier wieder ein paar Patienten entlassen. Viele haben Angst davor, weil sie nicht wissen, was sie draußen machen sollen. Mit den Medikamenten können sie weder mobil sein, noch vernünftig arbeiten. Werden die Medikamente abgesetzt, gehen die Depressionen und Paniken wieder von vorn los. Dann landen sie wieder hier. Ich habe einige Patienten kennen gelernt, die hier im Grunde Dauergast sind. Es gibt zwar noch die Möglichkeit, für eine dreimonatige stationäre Behandlung in der Nachbarklinik, aber dort sind die Wartelisten laut den Schwestern schon bis Sommer voll. Irre.

Ich habe noch eine Liste von Psychotherapeuten bekommen – sechs Seiten, eng beschrieben. Ich habe noch nie so eine riesige Sammlung von Telefonnummern für einen Beruf gesehen. Ein Patient meinte, dass die Liste nichts bringt. Er hatte sie auch und sagte, dass bei den meisten Therapeuten eine Wartezeit von drei Monaten einzuplanen ist – und die, die Zeit haben, taugen nichts. Super Aussichten.

Irgendwas in dieser Gesellschaft ist gewaltig kaputt – so richtig kaputt. Bei den meisten Patienten hier ist der Stress der Auslöser der Depressionen und Paniken. Der Stress wird durch die viele Arbeit ausgelöst. Fast alle hier arbeiten zu viel. Sie haben Angst vor Armut, Angst davor, die nächste Rechnung nicht bezahlen zu können, Angst davor, nicht über den nächsten Monat zu kommen. Einige schieben die Schuld auf den Euro. Ich halte dagegen. Nicht der Euro ist Schuld an dieser Situation. Kennt ihr noch “Leistung muss sich wieder lohnen”? Diese ganze Misere haben wir Schwarz-Gelb und auch Rot-Grün zu verdanken. Wo bleiben die Mindestlöhne? Wo bleiben mehr Arbeitnehmerrechte? Wo bleiben Gesetze für eine ordentliche Pausen- und Urlaubsregelung? Wann wird Leiharbeit endlich verboten? Diese Fragen werden hier gestellt – von allen.

Gut, das hat jetzt nicht so viel mit meiner Behandlung hier zu tun. Ich denke aber, dass es wichtig ist, zu wissen, dass hier in den Kliniken hart arbeitende Menschen sind, die genau die Sorgen und Probleme haben, wie wir alle. Hier sind nicht “die Kloppies” oder die geistig Zurückgebliebenen. Hier sind Menschen, die von der Gesellschaft, der Politik und der Arbeit kaputt gemacht worden sind.

Habt Respekt. Nehmt die Krankheit ernst.

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3 Gedanken zu “Psychiatrie: Tag 6

  1. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, was die Leute erwarten, wie ihnen in einer Klinik durch fremde Menschen geholfen werden kann? Ein Blick von außen auf das eigene Leben kann nie verkehrt sein, aber was genau hast Du Dir zum Beispiel von Deinem Aufenthalt erhofft bzw. von den Ärzten erhofft?

    Die Frage klingt so provokant und wertend, das will ich gar nicht, ich weiß nicht wie ich es anders fragen kann. Ich bin schlicht nicht fähig zu verstehen, wie man von außen überhaupt helfen könnte. Das kann doch nur von sich selber aus kommen, der Wille zu leben und Dinge auch mal einfach so zu akzeptieren, wie sie sind.

    Mir fällt es wirklich enorm schwer das alles nachzuvollziehen, weil ich Depressionen als Krankheit einfach nicht ehrlich begreife bzw. noch nicht ehrlich begriffen habe. Ich fühle mich schlecht, weil ich der Krankheit dadurch viel zu wenig ehrlichen Ernst entgegen bringe und das für Betroffene anmaßend ist. Ich hoffe wirklich es beleidigt Dich nicht. Ich würde es gern verstehen können.

    Liebe Grüße.

  2. Hallo Herr llama,

    Ich habe gespannt deine Psychiatrie-Reihe gelesen und konnte mich an einigen Stellen deiner Texte auch selbst wiederfinden. Dennoch hast du eine gewaltige Entscheidung getroffen, die ich damals leider nicht getan habe. Du hast, soweit ich das verstanden habe, die Einnahme von Medikamenten verweigert. Während meines Klinik-Aufenthaltes habe ich die Medikamente für eine gute Alternative gefunden. Heute kann ich sagen: Du hast die richtige Entscheidung getroffen.

    Die Medikamente bestimmen mittlerweile meinen Alltag. Ich bin abhängig. Sobald ich die Medikation, die mich ruhig stellen soll, nicht nehme, werde ich aggressiv, fühle mich unwohl und bekomme Panik-Attacken. Ich habe in meinem damaligen, jugendlichen Dasein ernsthaft daran geglaubt, dass mir die Medikamente helfen. Heute weiß ich, dass es nicht so ist. Eher im Gegenteil..

    Ich bin zwar damals aufgrund einer anderen “Krankheit” in die geschlossene eingeliefert worden, kann mich aber mit den meisten deiner Gedanken mehr als identifizieren. Meiner Meinung nach ist diese Gesellschaft definitiv kaputt, jedoch ist dies nicht nur Schuld von ein paar Parteien und deren Idealen.. Aber das nun weiter auszuführen, würde sicherlich den Rahmen sprengen..

    Danke, dass es noch so offen und ehrliche Personen wie dich gibt. Gut zu wissen, dass man doch nicht ganz alleine ist auf dieser Welt..

    Greetings, lukzifer

  3. ich habe mich mit meiner meinung zur gesellschaft von heute sehr in deinen beiträgen wiedergefungen. ich bin zwar nicht ernsthaft psychisch erkrankt, bin zur zeit aber seelisch angegriffen, da auch ich gerade in einer sehr vertrackten beruflichen situation stecke. ich weis derzeit weder vor und zurück und das nur aus reiner existenzangst.mich greift diese situation sehr an, habe oft unruhezustände und schlafe schlecht. habe missmutige gedanken und freue mich nicht mehr über dinge, die mich sonst sehr gefreut haben. insgesamt eine sehr erdrückende situation. ich bin derzeit dabei, auf dem land eine neue stelle zu finden. so dass ich wieder ruhe und kraft tanken kann. mindestlöhne wären mal eine maßnahme. aber die politiker verschwenden die steuer-milliarden lieber in flughäfen, elbphilharmonien oder stuttgarter bahnhöfen, als die lebens- und arbeitsbedingunen der bürger und steuerzahler zu erleichtern und zu vereinfachen.

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