Es sind keine Frauenkleider – es sind meine Kleider

Ich verstehe so viele Dinge in unserer Welt nicht. Ich verstehe nicht, warum es Kriege gibt, warum Menschen andere Menschen umbringen, warum Menschen andere Menschen wegen ihrer Hautfarbe oder des anderen Geschlechtes verachten. Genau so wenig verstehe ich, was so schlimm daran sein könnte, wenn ein Mann einen Rock oder Kleid tragen möchte – oder High Heels.

Es gibt so viele Gedanken in meinem Kopf, bei denen ich mich sehr schwer tue sie auszudrücken. Auch dieser Text ist nicht einfach für mich, weil ich nicht weiß, wie meine Umgebung auf das reagiert was hier drin steht.

Ich bin anders. Das weiß ich. Ich weiß aber auch, dass viele Menschen genau so denken und fühlen. Jeder ist irgendwie anders. Eigentlich gibt es keine “Normalität” im Wesen der Menschen. Jeder hat seine Macken, Ecken und Kanten. Im Entwicklungsprozess unserer Gesellschaft wurde aber eine gewisse “Normalität” definiert, der wir täglich begegnen. Sei es, dass die Farbe rosa Weiblichkeit definiert oder dass Männer keine Röcke tragen. Eine Abweichungen der Norm wird meist mit Spott und Verachtung bestraft. Aber warum? Ich verstehe es nicht.

Ich mag Röcke, Kleider und hohe Schuhe. Ich bin ein Mann – zumindest vom Äußerlichen her. In meinem Kopf sieht das ganz anders aus. Ich kann für mich nicht definieren, ob ich nun ein Mann oder eine Frau bin bzw. sein will. Wahrscheinlich ist, dass ich es nicht definieren will. Manchmal fühle ich mich als Mann, manchmal als Frau. Zumindest denke ich, dass ich mich so fühle.

Vor ein paar Tagen hatte ich ein Gespräch mit ein paar Studenten um über ein Interview zu reden. Auf diesem war die erste Frage “Welches Geschlecht haben Sie?” Zu Auswahl stand “männlich” und “weiblich”. Ich entschied mich ein weiteres Kästchen für “andere” anzulegen. Darum drehte sich ein Großteil unseres Gespräches.

Ich erzählte davon, dass ich den Eindruck habe, dass unsere Gesellschaft uns immer in Schubladen stecken will, ohne die Möglichkeit zu haben daraus auszubrechen. Meiner Meinung nach will ich für mich selbst lieber die Schubladen offen lassen. Ich will nicht sagen, dass ich ein Mann bin um das für immer und ewig zu manifestieren. Das will ich nicht. Das bin ich nicht.

Das Problem an der Sache ist, dass ich zwar den Gedanken für mich fertig gedacht habe, aber unsere Gesellschaft leider noch lange nicht soweit ist, dass sie es verstehen, geschweige denn akzeptieren wird. Ich habe auch riesige Probleme damit mit meiner Familie darüber zu reden (meine Mutter liest hier mit und wird das hier das erste Mal hören). Ich habe Angst. Angst vor Ablehnung und Verachtung. Aber wo wollen wir anfangen die Gesellschaft aufzuklären?

Ich glaube, als erstes müssen wir aufhören definieren zu wollen, dass etwas typisch Mann und typisch Frau ist. Rosa ist nicht weiblich und Blau ist nicht männlich. Frauen können auch einparken und Männer können sich auch um den Haushalt kümmern. Der Sohn (ich glaube 4 oder so) eines Kollegen meiner Bürogemeinschaft hat einen Puppenwagen. Das ist sein Ein und Alles. Im Kindergarten gibt es ein Kind, das ein Jahr älter ist. Er nahm den Puppenwagen weg und stellte ihn zu den Mädchen und meinte “Puppen sind für Mädchen.” Der Kleine vom Kollegen war darüber natürlich sauer und hat sich seinen Wagen wieder geholt und seinen Papa sehr stolz gemacht.

In meinen Augen müssen wir also zwei wichtige Schritte gehen. Als erstes müssen wir selbst den eigenen Sexismus überwinden. Das heisst, dass (Achtung, Beispiele) wir aufhören Frauen am Supporttelefon anders zu behandeln, dass wir aufhören zu denken, dass nur Männer mit einem Hammer umgehen können oder dass wir rosa Ü-Eier nicht nur für die Tochter kaufen. Und wenn wir es tun, dass wir wenigstens drüber nachdenken und ein schlechtes Gewissen bekommen.

Und als zweiten Schritt müssen wir diese Denke an unsere Kinder weiter geben, damit es in ein oder zwei Generationen nicht mehr heißt “Schwuchtel, du trägst ja Weiberklamotten!”

Ich selbst habe noch immer nicht den Mut in Kleidern oder Röcken raus zu gehen. Das wird sich wohl auch so schnell nicht ändern. Zumindest habe ich ein Vorbild – Iggy Pop. Auf die Frage seines Managers, ob er sich nicht schäme ein Frauenkleid zu tragen, antwortete er nur “1. Es ist kein Frauenkleid, es ist mein Kleid. 2. Sollten sich Frauen dafür schämen Kleider zu tragen?”. Hoffentlich werde ich auch mal so mutig.

An dieser Stelle möchte ich meiner Frau danken, dass sie so viel Verständnis und Liebe für mich hat.

P.S.: Und wer wissen will, wie ich mit so Kleidung aussehe. Bitte schön.LlamaKleid

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2 Kommentare zu “Es sind keine Frauenkleider – es sind meine Kleider

  1. .. Ich finde deinen Text und dich unglaublich mutig :) und mir gefällt deine Einstellung, weil ichs genauso sehe. Ich verstehe auch nicht, wieso ich jemanden ablehnen sollte, nur weil er eine andere Sexualität, nen anderen klamottengeschmack oder sonst was hat. Das ist doch nicht meine Sache, genau Genommen geht es mich überhaupt nichts an, wie der oder diejenige sein oder ihr leben führen will. Ich will ja auch nicht, dass mir jemand in meine Existenz rein labert und sie verändern will. Ich bin hier, die Welt ist das, was ich in ihr sehe und was ich aus ihr mache und ich kann verdammt nochmal tun und lassen was ich will (vorausgesetzt, ich verletze damit niemanden, ein bisschen Rücksichtnahme sollte ja schon vorhanden sein, hoffe du verstehst, was ich meine, bin kein egoist, auch wenns so klingt). Ich bewundere dich dafür, dass du den mut hast, dein Ich hier so deutlich sprechen zu lassen und dafür, dass du mit so einer Toleranz durchs leben gehst. Ich wünschte, jeder würde so denken, oder es sich zumindest zu Herzen nehmen. Ich hab mir auch schon so einiges gefallen lassen müssen, allerdings wegen meinem Charakter und den Dingen, die ich liebe.. Kein schönes Gefühl, wenn man wegen seinen Leidenschaften dafür von anderen ausgelacht und bemitleidet wird, als wäre man ein weltfremder Trottel, der früher oder später damit unter ner Brücke landet … Aber ich schweife ab. Ich wollte mit diesem Post eigentlich nur sagen, dass du recht hast: du bist keineswegs allein, es gibt so viele Menschen, die genauso denken, fühlen und leben wie du und die dieselbe Angst vor Ablehnung und Spott haben. Gib nicht auf, eines Tages wirst du genauso mutig sein wie Iggy, sogar noch mutiger und strahlender! Und dann wird es uns egal sein, dass uns damals Leute ausgelacht haben, dann werden wir stärker als sie alle zusammen sein! :) wünsch dir und deiner cutiepie (kenn ihren Blog, Bin vor Jahren mal drüber gestolpert) noch nen schönen Tag!

    Ps: auch wenn ich auf dem Foto dein Gesicht nicht sehen kann: du siehst Super süß in den Kleidern aus! Schlicht und einfach adorable! :D und lass dir von niemandem je etwas anderes weiß machen!

  2. Pingback: Psychiatrie: Tag 1114 | Daily Llama

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