Psychiatrie: Tag 1

Ihr lieben Leser von Daily Llama! Lang, geschweige denn täglich, ist’s her, dass es hier was zu lesen gab. Nun hat Herr Llama in seiner Abwesenheit das Bloggen an mich, seine Frau, delegiert. Als ich ihn gestern im Krankenhaus traf, übergab er mir drei Schriftstücke, die ich nun stellvertretend für ihn posten soll. Es folgt also Tag 1 seines Aufenthalts in der Nervenklinik:

Grotesk. Es ist einfach nur grotesk. Ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich mal hier landen würde. Als ich allein in meinem Zimmer saß, wurde mir erst mal bewusst, dass ich in der geschlossenen Psychiatrie gelandet bin.

Ich weiß noch nicht, über was ich nachdenken soll. Anfangs habe ich mich mit einem Arzt unterhalten. Ich musste ihm versichern, dass ich mir nicht das Leben nehmen werde. Das fiel mir mehr als leicht.

Dann hieß es warten. Nach einer ganzen Weile kam die Schwester und nahm mich offiziell auf. Der Abschied von meiner Frau fiel mir sehr schwer. Ich frage mich, was sie jetzt tut. Hoffentlich weint sie nicht. Ich muss mich zusammenreißen.

Warten … dann kam der Arzt. Er fragte mich ein paar Standards. Ich erzählte ihm von meinem Leben. Unnötige Details ließ ich dabei aus. „Sie sind nicht selbstmordgefährdet.“ Ich konnte also aus der Geschlossenen raus, sobald in der Offenen ein Platz frei geworden ist. Mir fiel ein Stein vom Herzen.

Ich erzählte dem Arzt noch ein paar Geschichten aus meinem Leben. Er war erstaunt – genau wie ich, dass ich mich daran erinnern konnte, als mit vier Jahren bekannt wurde, dass ich Asthmatiker bin. Ich erzählte von meinem Traum in die Anden zu fahren, um dort Sterne zu beobachten.

Ein Gong ertönte. Es war Mittag und wir unterbrachen unser Gespräch. Es gab Spätzle mit Tomatensoße. Kein Fleisch. Ich setzte mich an einen freien Platz. Eine Frau saß mir gegenüber. Sie war gestern hier angekommen. Ihre Schnittwunden an den Armen waren noch frisch. Die größte Sorge, die sie plagte, war ihre fehlende Bibel. Ich entschied mich, nicht von meinen Problemen zu erzählen, auch nicht, dass in meinen Augen kein Gott existiert. Ich glaube, das würde sie noch mehr erschüttern.

Was zur Hölle mache ich hier?

Ich ging rauchen. Draußen stand S. Er wurde vor zehn Jahren von Nazis verprügelt. Seitdem hat er Angstzustände und Gewaltausbrüche. Er erzählte mir, dass er alle zwei Jahre hier ist. Angeblich ist er Sprayer.

Ich verkroch mich in mein Zimmer. Ich musste nachdenken. Ich musste weinen. Ich will nach Hause. Der Gong zum Kaffee weckte mich. Mir war schlecht. Ich wollte nichts essen. Zu allem Überfluss wurde mir auch noch mein Einzelzimmer genommen. Ich musste ins Doppelzimmer.

In einer Ecke des Flures ist eine Sitzecke aufgebaut. Grüner Samt bespannt die Sessel. Ein großes Fenster trennt mich von der Außenwelt. Draußen sind Leute unterwegs. Sie schauen verstohlen rein. Das Telefon klingelt. Es ist das Patiententelefon. Jeder kann rangehen. Jeder kann es benutzen. Niemand ist hier, also gehe ich ran. Eine C. will gesprochen werden. Ich suche sie. Sie schläft. Soll ich sie wecken? Ich weiß nicht, was ich tun soll.

Ich komme mir so hilflos vor. Wie soll ich mit den Menschen hier umgehen? Soll ich ihnen von meinen Problemen erzählen? Es ist ein komisches Gefühl. Die meisten sind wegen Depressionen und Selbstmordversuchen hier. Aber ich will mich nicht umbringen. Ich will leben. Ich weiß nur nicht wie. Hoffentlich werde ich morgen verlegt.

Ich lerne C. kennen. Er ist seit Silvester hier und nun mein Zimmergenosse. Er wollte von einer Brücke springen, hat es nicht geschafft. Er redet viel von seiner Freundin A. Seit vier Monaten hat er sie nicht gesehen. Ich frage mich, ob sie weiß, wie sehr er in sie vernarrt ist. Hoffentlich hat er recht.

Der Gong. Es gibt Abendessen. Es gibt Brot, Wurst und Käse. Das Brot lass ich liegen. Nach dem Essen ist mir schlecht geworden. Also blieb ich noch eine Weile sitzen und fixierte den Gedanken an meine Astrid. Ich vermisse sie unerträglich. Kein Internet. Kein eigenes Telefon. Kein Kontakt zur Außenwelt. Das tut weh.

Gleich nach dem Essen gibt es für die meisten hier Medizin. Irgendwie habe ich das nicht auf die Reihe bekommen, das zu sehen und ging durch die kleine Station wandern.

Ein Musikzimmer. Eine Gitarre. Endlich Beschäftigung. Seit dem letzten Gespräch mit dem Arzt ist hier nichts mehr passiert. Ich fühle mich allein. Ich habe Angst vor der ersten Nacht.

Das Leben hier drin scheint trotz allem irgendwie normal zu sein. Die einen schauen Fussball, andere lesen Zeitung und unterhalten sich mit Kartenspielen. Das ist alles so grotesk.

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6 Kommentare zu “Psychiatrie: Tag 1

  1. Hallo Llama,
    ich weiß nicht wann und ob du das hier zu lesen bekommst. Aber danke für das was du hier tust und für den Bericht. Es ist einfach wichtig.

    Liebe Grüße aus dem Pott
    schreibrephorm

  2. Genauso ging es mir in der Psychiatrie (ich sage lieber: Inkompetenz-Klinik) in Düsseldorf-Grafenberg auch. Absurd. Grotesk. Komisches Essen, manchmal schlechtes Essen, manchmal zu wenig. Keine Privatsphäre. Und man sollte zur Ruhe kommen, bei ständigem Lärm in der überbelegten Station. Niemand zum Reden, es gibt nur Medikamente.

    Nach meiner Erfahrung wird es auch in der offenen nicht besser. Es hört keiner zu, man hat sich anzupassen, wer das nicht kann, ist nicht „therapiefähig“. Gehorchen, Maul halten. Es geht nicht um Heilung, es geht um Wieder-Funktionieren.

    Wenn keine Suizidgefahr besteht, würd ich da weggehen.

    • Ich habe da wesentlich andere Erfahrungen gemacht. War in Querfurt (Diagnose: Autismus). Die meisten in der Station waren wegen Depressionen dort. War sozusagen Aussenseiter. Mir ging es eigentlich ganz gut, war bloss nicht selbstständig lebensfähig.
      War für mich am Anfang echt schwierig. Wusste auch nicht wie man sich verhalten soll. Zumal viele auch echt empfindlich waren und man aufpassen musste was man sagt.
      Die meisten waren fuer ca 3-5 Monate dort. Eine war aber schon weit über 1 Jahr dort (da reden wir so von der Kategorie 10 Jahre täglich in der Familie misbraucht, 2 Fehlgeburten und noch viele schlimme Sachen von denen man nicht glaubt, dass sie einer einzelen Person passieren können). Die krasseste Erfahrung für mich war die Gruppentherapie, wo jeder von seinen Problemen erzählt hat. Im Gegensatz zu den Geschichten der anderen wirkten meine Probleme fast nebensächlich. Ich musste 2 mal den Raum verlassen, weil das Erzählte so derbe war. Aber das gehörte zur Therapie. Dinge müssen erst mal ausgesprochen werden bevor sie behandelt werden können.
      Ich hatte aber durchweg den Eindruck dass den Leuten dort geholfen wurde. ca 90% der Leute haben die Klinik in einem wesentlich besseren Zustand verlassen, als wie sie angekommen sind.

      Ich wünsche dir gute Beserung. Das klingt jetzt wie eine doofe Floskel, aber ich meine es ernst: Alles wird gut.

      lanthan

      • Danke für deine Besserungswünsche. Im Moment sieht es ganz gut aus. Ich brauche erst mal vor allem eins: Ruhe. Aber so wie das klingt, warst du in der richtigen Nervenheilanstalt. Ich war „nur“ in einer Akutklinik. Da sieht das alles noch ein bisschen anders aus. Mir wurde zwar empfohlen, dass ich noch drei Monate in der „richtigen“ Psychiatrie verbringen sollte, aber ich habe abgelehnt …

  3. darf ich fragen: wie kommt es dass du Drogen- und Magersüchte inklusive Burnout usw. hinter dir hast, aber noch nie in einer Psychiatrie warst?

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