Psychiatrie: Tag 2

Die Nacht war kurz und lang zugleich. Ich konnte erst ewig nicht einschlafen. Dann kam auch noch die Schwester. Sie wollte uns Medizin geben. Ich lehnte ab. Kein Arzt, keine Medizin. Irgendwann bin ich dann doch eingeschlafen.

Abrupt wache ich auf. C. geht duschen – eine halbe Stunde. Ich verkriech mich unter der Decke. Die Pfleger kommen. Es ist gerade mal sechs Uhr dreißig. Und dann gleich das volle Programm. Urinprobe, Bluttest, Duschen, Warten, Gong, Frühstück.

Gleich danach rede ich mit den Ärzten. Es ist Gruppenvisite. Der Arzt breitet meine Akte vor der ganzen Gruppe aus. Mir ist das unangenehm. Ich sage das und bekomme ein Einzelgespräch. Er erklärt mir noch mal das Medikament. Es ist ein einfaches Antidepressiva mit Schlafmittel, welches angeblich nicht süchtig macht. Ich habe Angst davor. Das Gute ist, ich werde sofort auf die Offene verlegt.

Als ich C. davon erzähle, wirkt er niedergeschlagen. Er erzählt mir noch, dass er seine Freundin hier drin kennengelernt hat. C. ist einmal das Jahr hier. Immer wegen Drogen. Ich sage ihm, dass Crystal scheiße ist und er es lassen soll. Er verspricht es. Ich glaube ihm nicht.

Die offene Station. Ich habe den Eindruck, dass es hier freundlich ist. Auf den Tischen sind Blumen, alles ist hübsch dekoriert. Die Menschen sind nicht so apathisch und machen einen freundlicheren Eindruck. Erst mal muss ich wieder warten, bis die Chefvisite vorbei ist. Ich lese mein Buch und döse weg.

Die Psychiaterin weckt mich. Ein ganzer Stab Psychologen und Psychiater wartet auf mich. Wir reden kurz und ich sage, was ich für grundsätzliche Probleme habe. Dann wird mir nochmals die Medizin ans Herz gelegt. Ich frage nach Alternativen. Angeblich soll Johanniskraut helfen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das will.

Danach gab es noch ein längeres Gespräch mit der Stationsärztin. Ich erzähle ihr im Grunde das Gleiche, was ich dem Arzt vom ersten Tag erzählt habe. Sie sagte mir, dass mir hier in der Psychiatrie nicht mit der Sinnkrise geholfen werden kann. Die nächsten drei Wochen sollen dazu genutzt werden, um mich herunter zu fahren. Ich soll versuchen, nicht mehr an den Sinn zu denken, sondern mich erst mal von dem Stress und dem Burnout erholen. Die Psychiatrie will mir dabei mit verschiedenen Therapien helfen. In frühestens 14 Tagen kann ich für ein Wochenende nach Hause.

Kein Gong ertönt. Es gibt trotzdem Mittagessen. Ich bekomme Kartoffeln, Mischgemüse und Putenbrustfilet. Offenbar bin ich ein bisschen ruhiger geworden und esse sogar auf. Für nächste Woche soll ich einen Speiseplan ausfüllen. Ich darf selbst entscheiden, was ich esse.

Die Ärzte arbeiten einen Therapieplan für mich aus. Ich soll darauf warten, spazieren gehen. Die frische Luft tut gut. Die Stationskatze läuft mir über den Weg. Wir begrüßen uns und freunden uns an. Als ich zurück kam, sagten mir die anderen Patienten, dass es echt süß war, wie ich mit der Katze umgehe und rede. Und es drehte sich alles um meine Haare.

Zum Abend half ich beim Kochen. Mir war langweilig und ich wollte irgendwas tun. Die Pflegerin war ganz überrascht, dass ich helfen wolle. Was soll ich sonst tun? Ich warte schon den ganzen Tag. Auf was, weiß ich nicht.

Endlich bekomme ich meinen Therapieplan. Erst mal soll ich Ergotherapie machen. Was dort passiert, weiß ich noch nicht. Ich wurde auch für die Musik- und Bewegungstherapie eingetragen. Außerdem muss ich ein tägliches Berichtsheft über mein Befinden schreiben.

Am Tag und beim Abendessen saß ich mit K. zusammen. Sie ist seit sechs Wochen hier. Davon war sie fünfeinhalb Wochen auf der Geschlossenen. Wir unterhalten uns über das Arbeitsleben und dass unsere Gesellschaft immer kranker wird. Es gibt zu wenig Psychiater und immer mehr Depression. Sie hat Angst vor der Nacht.

Ich beschäftige mich vor allem mit Lesen, mach mir Gedanken darüber, was ich die letzten Jahre erlebt habe. Ich vermisse meine Frau. Immer mehr. Es tut weh. Langsam wird mir bewusst, dass ich in frühestens zwei Wochen hier das erste Mal für ein Wochenende raus kann. Zwei Wochen keine Astrid. Wie soll ich das nur schaffen?

Heute Abend ist eine Tanzveranstaltung. Ich habe keine Lust drauf. Ich will lieber im Bett liegen – allein. Ich will nach Hause. Nach außen versuche ich mich gelassen zu geben. Ich will nicht vor den ganzen Leuten weinen.

Als die grässliche Musik endlich vorbei war, kam die Schwester mit den Medikamenten. Ich wollte sie nicht nehmen. Tat es auch nicht. Später ging ich noch mal raus in den Gemeinschaftsraum. Ein paar Frauen saßen am Tisch und ich gesellte mich dazu. Wir sprachen über die Medikamente, die Klinik, die Krankheiten. Und dann spielten wir Stadt, Name, Land. Es hat mich gut abgelenkt und ich konnte auch relativ ruhig schlafen.

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Ein Kommentar zu “Psychiatrie: Tag 2

  1. Wahrscheinlich werden Beiträge wie dieser mehr gelesen als kommentiert. Wenn ich trotzdem kommentiere, dann nur, um zu sagen: Kopf hoch! Du bist vielleicht im Burn-out oder was auch immer, aber mit deinen (inneren wie äußeren) Sinnen ist sicher alles ok. Bleib‘ dabei. Keine Sinnkrise zu haben, könnte unter Umständen kränker sein.

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