Psychiatrie: Tag 4 und 5

Hoch lebe die Langeweile! Das sollte wahrscheinlich das Motto dieser Klinik sein. Es ist Wochenende. Es gibt hier nichts zu tun. Gar nichts. Und die Zeit will auch nicht vorbei gehen. Natürlich werden wir wieder mit dem üblichen, fast gesäuselten „GUTEN MORGEN!“ geweckt. Es ist 6:45 Uhr.

Ich beschließe, ein bisschen länger zu schlafen und gehe erst (!) gegen 7:45 Uhr zum Frühstück. Die Brötchen sind schon alle. Das ist ein Witz. Die Schwester musste extra zum Bäcker gehen, damit ich auch etwas zu beißen habe. Wie arm unser Gesundheitssystem ist, merkt man hier.

8:30 Uhr: Ich entscheide mich, intensive Körperpflege zu praktizieren und lasse mir dabei ausgiebig Zeit. Rasieren, (lang) Duschen, Eincremen.

9:30 Uhr: Ich entschließe mich, ein bisschen Sport zu machen. Also ab in das, nun, Sportzimmer. Ein Fahrrad, ein paar Iso-Matten, eine FlexiBar™ – das muss reichen. Ich beschäftige mich eine ganze Weile damit, bis ich nicht mehr kann.

10:30 Uhr: Ich mach ein Nickerchen

11:30 Uhr: Endlich Mittagessen. Es gibt etwas, was einem Geflügelhackbraten ähnlich sein soll. Dazu Kartoffeln und Brokkoli. In weiser Voraussicht stelle ich das Gemüse für den Abend in den Kühlschrank.

12:00 Uhr: Ich mache einen ausgiebigen Spaziergang.

12:30 Uhr: Ich mache ein Nickerchen.

13:30 Uhr: Ich beschließe, einen Film zu sehen.

14:15 Uhr: Der Film langweilt mich. Ich gehe raus, spazieren.

14:45 Uhr: Endlich kommt meine Frau.

Bam. Abendessen. Die Zeit verging viel zu schnell. Sie muss wieder los. Ich erzählte ihr ein paar Geschichten, was ich hier so erlebe – und was ich beschlossen habe. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken und hab einige Dinge verstanden, was ich in den letzten Jahren falsch gemacht habe. Ich finde mich langsam wieder. Ich weiß, was ich will. Ich weiß, wie ich es erreichen werde.

Am Montag werde ich um meine Entlassung am Wochenende bitten. Die Psychiatrie kann mir nicht helfen. Das kann nur ich selbst. Das weiß ich jetzt.

Meine Stimmung ist gut. Sehr gut sogar. Ich habe wieder einen Plan. Der Besuch meiner Astrid hat mir wieder Kraft gegeben und mir vor allem gezeigt, was ich will. Sie. Für immer.

Sonntag: GUTEN MORGEN!, Körperpflege, Frühstücken, Sport, Buch lesen, Nickerchen, Mittag essen, Buch lesen, Nickerchen, einen sehr schönen Nachmittag mit meiner Astrid und Max verbringen, spazieren, Abendessen, Film schauen, Buch lesen, schlafen. Spannend oder?

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Ein Kommentar zu “Psychiatrie: Tag 4 und 5

  1. *Achtung das ist leicht ätzig eingefärbt*
    soll ja Leute geben, für die es eine Erkenntnis ist, wie langweilig ihr Leben ohne ihre schlimmen Probleme wäre und die deshalb in die Klinik gehen (O-Ton eines Psychiatriepflegers)

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