Kurzgeschichte: Auf dem Dach

Triggerwarnung: Depressionen, Suizid, Psychiatrie

Stephanie und ich kannten uns nun schon seit ein paar Wochen. Sie liegt nur ein paar Zimmer weiter. So wie ich mitbekommen habe leidet sie unter paranoider Schizophrenie, die sie aber mit Medikamenten unter Kontrolle hat und heftigen Depressionen mit suizidalem Verhalten.

Ich hielt Stephanie für die einzig normale Person in der gesamten Klinik. Bei vielen Dingen waren wir auf der gleichen Wellenlänge und taten, was Freundinnen so machten. Wir färbten uns gegenseitig die Haare bunt, lästerten über die Kerle und manchmal schliefen wir kuschelnd vor dem Fernseher ein.

Aktuell waren wir beide recht stabil. In den letzten zwei Wochen musste sie nur zweimal, ich einmal in das Beruhigungszimmer, wie sie es bezeichnen. Beruhigungszimmer. Eigentlich sollten sie es Folterkammer nennen. Du bist dort für Stunden völlig allein, ohne Ablenkungsmöglichkeiten, nur mit dir selbst und deinen schreienden Gedanken. Irgendwann erbarmte sich eine Ärztin und drückte uns ein paar Tavor ein und ließ uns raus.

Dieser eine Abend war etwas besonderes. Das spürte ich von Anfang an. Stephanie und ich hatten einen guten Tag. Wir färbten mal wieder die Haare. Sie wollte Lila, weil das meine Lieblingsfarbe ist. Ich bekam Pink von ihr. Als wir fertig waren, schauten wir gemeinsam in den Spiegel.

„Du bist wunderschön“, sagte sie leise.

Für eine Sekunde war ich baff. Das war nicht das typische Kompliment, was sich Mädchen gegenseitig machen. Dieser Satz kam aus ihrem Inneren, war ehrlich und ließ mein Herz in den Bauch rutschen.

„Du auch“, stammelte ich.

Wir lächelten uns über den Spiegel an und bewunderten unsere Mähne. Der Gong läutete, das hieß Abendessenzeit, Medikamente und noch ein bisschen Fernsehen, bevor es ins Bett ging. Ich war zufrieden mit dem Tag – kein Zusammenbruch, keine negativen Gedanken. Auch das Abendessen ekelte mich diesmal nicht an. Selbst Stephanie aß, wie ich sie noch nie gesehen habe. Sie genoss jeden Bissen, zelebrierte sie sogar ein bisschen.

Irgendwann nahm sie einfach meine Hand und streichelte sie. Es fühlte sich anders an. Wir hatten schon oft Händchen gehalten, aber dieses mal … irgendetwas war da und ich konnte nicht beschreiben, was es war. Sie erforschte mit ihren Fingern meine Hand, strich über jeden Zentimeter und ich spürte in Kribbeln in mir.

„Komm mit“, sagte Stephanie plötzlich. Wir standen auf und gingen aus den Raum. Okay, sie zog mich mit, weil ich nicht wusste, wohin wir gehen werden. Die Türen standen offen. Das taten sie noch nie. Also gingen wir in den großen Flur, dann ins Treppenhaus, dann auf das Dach.

Es wurde schon dunkel, wolkenlos und man sah schon die ersten Sterne. Ein leichter Wind brachte warme Luft aus dem Süden. Es fühlte sich befreiend an. Klar, wir waren schon öfter hier oben, in der sogenannten Klinikfreizeit. Und auch, wenn alles umzäunt war, haben wir den Zaun heute nicht gesehen. Wir waren frei.

Lange lagen wir auf den Boden. Stephanie hat nie meine Hand losgelassen. Irgendwas war los, aber ich wusste es nicht. Viel redeten wir auch nicht, sondern genossen einfach den Moment. Dieser Abend gehört uns.

„Sind sie nicht schön?“, fragte sie plötzlich.“Was meinst du?“
„Die Sterne. Sie funkeln so friedlich.“
„Das tun sie.“
„Ich wünschte ich könnte zu ihnen reisen, sie berühren“, sagte sie ein bisschen wehmütig.
„Eigentlich tust du das schon.“
„Was meinst du?“
„Sterne senden Photonen aus. Das ist das Licht, was du siehst. Ohne Photonen wären wir blind, weil sie mit deiner Netzhaut im Auge reagieren und somit die Bilder in deinem Kopf entstehen lassen. Und die Sterne da oben, haben alle Photonen ausgesendet, sind Jahre unterwegs und diese treffen nun auf dein Auge. Eigentlich berührt dich gerade der Stern da oben.“
„Wow.“

Wir schwiegen weiter. Ihr Griff um meine Hand wurde fester. Sie kam näher und irgendwann nahm ich sie einfach in den Arm. Sie weinte leise, so dass ich es kaum merkte.

„Wird es irgendwann aufhören?“, fragte sie.
„Was?“
„Dass es weh tut.“
„Nein“ und fügte nach kurzer Zeit hinzu „aber es wird leichter.“
„Und wenn nicht?“
Eigentlich wollte ich ‚keine Ahnung‘ sagen, weil ich es selbst nicht weiß. Aber ich wusste, dass sie jetzt eine andere Antwort brauchte.
„Wir schaffen das. Gemeinsam.“

Ihre Umarmung wurde fester und ihr Gesicht war nun ganz nah an meiner Wange. Ich hörte sie atmen.

„Ich liebe dich“, hauchte sie.

Das war echt. Es saß. Es traf mich wie ein Schlag. Mein Herz raste.

„Ich liebe dich auch“, antwortete ich leise.

Und das tat ich.

Wir küssten uns. Es war einer dieser Momente, in der die Welt für einen Augenblick still stand, ein Moment voller Liebe, Glück und Freude, ein Moment für den es sich zu leben lohnt.

Stephanie kam nicht zum Frühstück. Hektik brach aus. Die Pflegerinnen brachen über mich hinein und schrien mich an. Ich wusste sofort was los ist. Das gestern war ihr Abschied. Ich werde sie immer lieben.

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